04.12.2015

Meinung: Reale Hürden und Hürden im Kopf

Leonie Fliess will Chancengleicheit auch für 18jährige (Foto: privat).

Leonie Fliess will Chancengleicheit für alle (Foto: privat).

Eine alternde Gesellschaft braucht Menschen, die hervorragend ausgebildet sind. Daher sei es falsch, den Weg in die Unis mit Studiengebühren zu behindern, findet Leonie Fliess, Programmatikerin der JuLis Hessen. Chancengleichheit müsse auch für 18jährige gelten.

Ob Studiengebühren sozial ungerecht oder finanziell notwendig sind, sind zwei grundverschiedene Fragen, die allerdings eine gemeinsame Antwort benötigen.

Meiner Meinung nach sollte man die Debatte um Studiengebühren weniger ideologisch aufbauschen und sich vielmehr an der Situation und den Bedürfnissen des Landes orientieren, an Fakten und Sinnhaftigkeit. Und da steht für mich fest: Studiengebühren sind nur negativ für Deutschland.

Deutschland stirbt aus, wir haben die niedrigste Geburtenrate der Welt, was dazu führt, dass unser Sozialstaat in seiner derzeitigen Form nicht dauerhaft finanzierbar ist. Das demographische Problem können wir nur durch eine bestmöglich ausgebildete neue Generation und Zuwanderung abmildern.

Chancengleichheit auch für 18jährige

Wir können es uns nicht leisten, dass nicht jeder nach seinen Möglichkeiten ausgebildet wird. Studenten sind eine Investition. Aus den meisten werden später überdurchschnittlich gut verdienende Steuerzahler, die den Staat stützen und das Renten- und Gesundheitssystem aufrechterhalten. Wir haben großen Mangel an Ingenieuren und Medizinern, Firmen reißen sich mittlerweile um die Studienabgänger und das wird in Zukunft sicher nicht besser werden.

Hemmschwellen für ein Studium zu schaffen, anstatt Anreize dafür zu setzen, ist dementsprechend irrsinnig. Studiengebühren schaffen reale Hürden und Hürden im Kopf. Real schaffen sie Hürden, indem sie junge Leute vor die Frage stellen, wo sie das Geld für ein Studium hernehmen sollen und ob sie wirklich verschuldet in ihr Erwachsenendasein starten wollen. In den Köpfen schaffen sie Hürden, weil Studiengebühren abschreckend wirken und bei jemandem, der beispielsweise als erster in seiner Familie studieren möchte, das Zünglein an der Waage sein können. Hier greift das Argument der Chancengerechtigkeit und ich bin überzeugt davon, dass dieses nicht nur für Schulkinder, sondern auch für einen 18jährigen, der sich für einen Lebensweg entscheidet, gelten muss.

Symbolischer Beitrag stellen Studenten vor existenzielle Probleme

Natürlich variieren die Höhen von Studiengebühren international erheblich. Dass Studiengebühren in englischen oder amerikanischen Höhen nicht nur abschreckend wirken, sondern vielen das Studium verwehren, sollte offensichtlich sein. Die früheren deutschen Gebühren stellen davon nur einen Bruchteil dar, aber auch 600€ pro Semester sind für viele ein Problem. Gleichzeitig ist das ein lächerlicher Prozentsatz der Kosten, die ein Studium dem Staat verursacht. Wenn der Staat immer noch den Großteil des Studiums finanziert, stellt sich die Frage, ob man einen vielmehr symbolischen Betrag dazu nutzen sollte, Studenten vor existentielle Probleme zu stellen. Damit einhergehend entlastet es den Staat finanziell nicht, wenn sich die Studienzeit von Studenten verlängert, weil die Arbeit für das zusätzlich zu verdienende Geld Zeit kostet.

Der Staat gibt für viel Unsinn Geld aus, aber Bildung, Chancengerechtigkeit und die Zukunft Deutschlands sind kein Schwachsinn.

Private Investoren einbinden

Was die finanzielle Situation an Universitäten angeht, so sind Missstände, wie so oft, teilweise hausgemacht. Die Anreizsysteme für Universitäten sind schlecht. Mittel müssen um jeden Preis ausgegeben werden, sonst fließt kein neues Geld. Private Investoren sind an den meisten Universitäten das Übel schlechthin, womit man eine Quelle einfach versiegen lässt, die zum Beispiel gut ausgestattete Hörsäle gewährleisten könnte.

Von Studenten neue Gebühren zu verlangen, anstatt bestehende Systeme zu überdenken, halte ich für grundverkehrt.

All diese Argumente führen dazu, dass ich Studiengebühren ablehne. Allgemein halte ich das Studium für einen Grundpfeiler der Bildung, für den die Chancengerechtigkeit unser Ideal sein sollte. Speziell für Deutschland in seiner jetzigen Situation bauen Studiengebühren Hürden auf und führen schlichtweg in die falsche Richtung.


Die hier veröffentlichte Meinung spiegelt nicht unbedingt die Beschlusslage der LHG Nordrhein-Westfalens wider. Die Redaktion stellt den Autoren frei, welche Form der geschlechtergerechten Sprache sie verwenden möchten. (Red.)


Zur Person

Leonie Fliess ist Programmatikerin der Julis Hessen, die in der FDP erfolgreich gegen Studiengebühren gekämpft haben. Als wichtigstes Ziel ihres Verbandes nennt Leonie die Schaffung von Chancengleichheit. Leonie studiert in Darmstadt Volkswirtschaftslehre.